„Der ehrliche Bürger soll nicht länger der Dumme sein“ – Warum sich die SCHUFA für Betrugsprävention engagiert

Im Interview mit der Börsen-Zeitung spricht SCHUFA-Vorstandsvorsitzender Dr. Michael Freytag über die gesellschaftliche Rolle der SCHUFA und warum Betrugsprävention und Identitätsschutz hierbei besonders wichtig sind.

Auszug aus dem Interview mit Dr. Michael Freytag in der Börsen-Zeitung vom 6. März 2019:

Börsen-Zeitung: Lassen Sie uns zu Ihren einzelnen Geschäftsfeldern kommen. Sie machen ja inzwischen mehr als die reine Bonitätsbeurteilung.

Dr. Michael Freytag: Wir haben uns zum führenden Lösungsanbieter von Auskunftei- und Informationsdienstleistungen für Unternehmen und Verbraucher entwickelt. Bonitätsauskünfte, Compliance und Betrugsprävention bilden die drei Säulen des Geschäftsmodells. Im Bereich Compliance unterstützen wir Unternehmen bei der Erfüllung der vom Gesetzgeber gestellten Anforderungen an das Einhalten von Regeln und Richtlinien, wie dem Geldwäschegesetz und dem KYC-Prozess, also Know Your Customer. Im Geschäftsfeld Betrugsprävention liefern wir Informationen, um kriminelles Handeln zu erkennen und verhindern zu helfen. Zum Nutzen für Unternehmen und Verbraucher.

Börsen-Zeitung: Wieso soll die Schufa besser als andere Betrügereien erkennen und verhindern können?

Dr. Michael Freytag:Die Schufa verfügt über die relevanten Informationen zu privaten Personen und Unternehmen aus verschiedenen Branchen. Diese Informationen und der Einsatz modernster intelligenter Technologie ermöglichen effektive Lösungen zur Erkennung von Unstimmigkeiten oder zum Beispiel Betrugsmustern.

Börsen-Zeitung: Können Sie Beispiele für Betrugsprävention nennen?

Dr. Michael Freytag:Im Bankenbereich sind wir mit dem SCHUFA-Fraudpool aktiv, an dem inzwischen 67 Kreditinstitute teilnehmen. Im E-Commerce haben wir seit neuestem den Fraudprecheck in Betrieb genommen. Und für Privatkunden wird in unseren Leistungspaketen der Updateservice und der Identsafe angeboten.

Börsen-Zeitung: Was leistet der Banken-Pool?

Dr. Michael Freytag: Seit dessen Start in 2014 sind 72 Millionen Anfragen verarbeitet worden, aktuell 100 000 pro Werktag. Seitens der Teilnehmer wurden 26 000 tatsächliche Betrugsverdachtsfälle gemeldet. Bisher konnten wir 72 000 Hinweismeldungen geben, davon 75 % aufgrund möglichen Bonitäts- und 21 % aufgrund möglichen Identitätsbetruges. Damit konnten Schäden in Millionenhöhe vermieden werden.

Börsen-Zeitung: Sie erwähnten bei der Betrugsprävention einen Fraudprecheck. Was ist das?

Dr. Michael Freytag: Der Schaden durch Betrug im Online-Handel wird auf 2,5 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt – bei einem Umsatz von 65 Mrd. Euro und den oft geringen Margen ist das eine erhebliche Größenordnung. Wir haben uns daher mit sieben großen Online-Händlern, Zahlungsdienstleistern und Telekommunikationsunternehmen an einen Tisch gesetzt und ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe Betrug direkt an der Quelle erkannt und verhindert werden kann, den Fraudprecheck. Das Produkt ist Ende 2018 erfolgreich gelauncht worden.

Börsen-Zeitung: Was ist das Besondere an diesem Fraudprecheck?

Dr. Michael Freytag: Bei uns am Tisch sitzen Vertreter von Unternehmen, die sonst ungern miteinander reden, weil sie harte Wettbewerber sind. Sie akzeptieren aber die Rolle der Schufa als neutralem Mittlers: Jedes Unternehmen liefert Informationen in einen gemeinsamen Topf ein, wir veredeln diese zur Betrugsprävention und stellen sie zum Mehrwert aller wieder zur Verfügung. Dadurch profitiert jeder Teilnehmer mehr, als wenn er nur sein eigenes Betrugsvorbeugungssystem nutzte. Damit kommt das über 90 Jahre alte Schufa-Prinzip, Vertrauen zu schaffen, auch in der digitalisierten Welt voll zur Entfaltung.

Börsen-Zeitung: Wie funktioniert das Ganze?

Dr. Michael Freytag: Die Lösung beruht auf moderner Machine-Learning-Technologie. Sie wurde von unserem Innovation Lab auf Basis von mehreren Hunderttausend echten Betrugsfällen trainiert. Hieraus wurden branchenübergreifend verschiedenste tatsächliche Betrugsmuster erkannt. Geht jetzt eine Bestellung ein, wird geprüft, wie ähnlich die Merkmale dieser Bestellung mit einem solchen Betrugsmuster sind. Das Unternehmen erhält darüber einen entsprechenden Hinweis und kann darauf reagieren – zum Beispiel durch Veränderung der Bezahlverfahren, beispielsweise Vorkasse statt Rechnungskauf.

Börsen-Zeitung: Wie schnell ist Ihr System?

Dr. Michael Freytag: Wir können aktuell 500 Anfragen pro Sekunde prüfen. Neben der Präzision ist gerade im E-Commerce die Schnelligkeit, also möglichst Echtzeit, wichtig. Unser System ist auch deshalb sehr gut, weil die Betrugsmuster, die sonst allenfalls jedem einzelnen Unternehmen intern bekannt wären, bei uns übergreifend gebündelt werden können. Wer also in der Telekommunikationsbranche auffällig ist, und jetzt im Online-Handel bestellt, kann mit Hilfe unserer Daten und Analytikmethoden gefunden werden. Wir können den Online-Händler warnen.

Börsen-Zeitung: Wie wird denn betrogen?

Dr. Michael Freytag: Zum Beispiel durch Veränderungen am Namen, dem Geburtsdatum, an der Adresse oder Lieferanschrift oder dem Gehalt. Es gibt viele verschiedene Konstellationen. Auch wenn Betrüger eine Vielzahl hochwertiger Produkte bei mehreren verschiedenen Händlern gleichzeitig bestellen, kennen die einzelnen Unternehmen nur den Bestellvorgang bei sich selbst. Der neue Fraudprecheck hingegen signalisiert die Information: Achtung! Hier bestellt jemand innerhalb kurzer Zeit bei verschiedenen Händlern mit bestimmten Manipulationsmustern. Dies ist eine Betrugsindikation, die dann beim betroffenen Online-Händler weiter geprüft werden kann.

Börsen-Zeitung: Das kann so sein, muss aber nicht so sein.

Dr. Michael Freytag: Der Besteller bekommt die bestellten Produkte ja auch geliefert. Es kann eben nur sein, dass der einzelne Händler vorsichtiger ist und nicht auf Rechnung versendet, sondern beispielsweise gegen Vorkasse oder Kreditkartenzahlung. Wichtig ist uns, dass wir mit unserer Betrugsprävention auch eine gesellschaftliche Funktion erfüllen.

Börsen-Zeitung: Nämlich?

Dr. Michael Freytag: Der ehrliche Bürger soll nicht länger der Dumme sein, der für den Betrug die Zeche in Form höherer Preise bezahlen muss. Deshalb sind wir davon überzeugt, dass unsere Lösungen zur Betrugsprävention nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt einen wesentlichen Nutzen stiften. In der digitalen Welt sollten alle ihren Beitrag leisten, um Betrug zu verhindern.

Börsen-Zeitung: Inwiefern gilt das auch für die Privatkunden?

Dr. Michael Freytag: Wir haben zwei besondere Tools zum Schutz für Privatpersonen entwickelt: den Updateservice und den Identsafe. Beim Updateservice werden dem Nutzer wesentliche Änderungen in seinem Schufa-Datenbestand per SMS oder E-Mail mitgeteilt. Wenn also ein Unternehmen bei uns anfragt, können Sie als unser Kunde sofort erkennen, ob Sie mit diesem Online-Händler oder dieser Bank einen aktuellen Geschäftskontakt haben oder nicht. Besteht dieser nicht, ist es sehr wahrscheinlich, dass gerade Ihre Identität missbraucht wird. Sie können dann sofort handeln, zum Beispiel den Händler oder die Bank informieren, um zu vermeiden, dass der Betrug vollendet wird.

Börsen-Zeitung: Und beim Identsafe?

Dr. Michael Freytag: Beim Identsafe überprüfen wir im Auftrag des Kunden zehn persönliche Daten rund um die Uhr auf Treffer im öffentlichen Internet, sowie im Darknet. Wenn Treffer gefunden werden, etwa Name und Kontonummer oder Kreditkartennummer gleichzeitig öffentlich auf einer Webseite sind, melden wir das dem Kunden, damit er Gegenmaßnahmen ergreifen kann, wie zum Beispiel Konto oder Karte sperren zu lassen. Auch helfen wir dabei, die Spuren des Identitätsdiebstahls wieder aus dem Netz zu bereinigen.

Börsen-Zeitung: Und was können Verbraucher tun, die dennoch Opfer geworden sind?

Dr. Michael Freytag: Personen, die Opfer von Identitätsbetrug geworden sind, können sich kostenlos bei uns registrieren lassen. Wir setzen dann ein so genanntes Flag im Datenbestand. Dieser Hinweis wird bei einer Anfrage an uns, etwa bei einer Online-Bestellung, dem Händler mitgeteilt. Ihm wird so signalisiert, dass möglicherweise ein Wiederholungsbetrug vorliegen könnte. Er kann dann genau prüfen und sich selbst und den ehrlichen Kunden schützen.

Die SCHUFA in Zahlen:

  • Die SCHUFA hat Informationen zu 67,7 Millionen Privatpersonen und 6 Millionen Unternehmen.
  • Bei der SCHUFA waren Ende 2017 rund 18 Millionen laufende Ratenkredite gespeichert.
  • Die Rückzahlungsquote der bei der SCHUFA verzeichneten Konsumentenkredite liegt bei 97,8 Prozent.
  • Die SCHUFA hat 10.000 Unternehmenskunden und 2,1 Millionen Privatkunden
  • Bei eine Umsatz von rund 190 Millionen Euro hat sie 2018 ein Ergebnis vor Steuern von 50,7 Millionen Euro und einen Gewinn von 34,6 Millionen Euro erzielt.
  • Die SCHUFA hat 900 Mitarbeiter

Das komplette Interview lesen Sie in der Börsen-Zeitung vom 6. März 2019.

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