Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier und Dr. Ole Schröder im Gespräch zu Bedeutung der Bonitätsbewertung in der Corona-Krise

Bedeutung der Bonitätsbewertung in der Corona-Krise

In ihrer über 90-jährigen Firmengeschichte hat die SCHUFA eine Reihe kritischer Gesell-schaftsphasen begleitet. Auch die Corona-Pandemie stellt die Gesellschaft und die Wirtschaft vor zentrale Herausforderungen. Durch die beispiellosen Kontaktbeschränkungen und die fortschreitende Digitalisierung ist der originäre Auftrag der SCHUFA nicht hoch genug einzuschätzen: dafür zu sorgen, dass sich die Menschen unkompliziert, sicher und günstig ihre finanziellen Wünsche erfüllen können und dass gleichzeitig die Anbieter verlässlich vor Risiken im Zahlungsverkehr geschützt werden. So müssen Zahlungsrisiken nicht bei sämtlichen Transaktionen eingepreist werden.

Gemeinsames Portrait von Dr. Ole Schröder und Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier

Inwiefern bewähren sich die SCHUFA und ihre Schlichtungsstelle in der Corona-Pandemie als Stabilitätsanker? Welche Anforderungen werden an die Bonitätsprüfung gestellt? Brauchen wir eine neue Kultur des unternehmerischen Scheiterns? Hierüber sprechen Ombudsmann Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier und SCHUFA-Vorstand Dr. Ole Schröder. Der ehemalige Politiker und Rechts-anwalt wurde Anfang 2020 in den Vorstand der SCHUFA Holding AG berufen. Bis 2018 war Dr. Ole Schröder acht Jahre Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium des Innern und dort insbesondere mit den Fachgebieten Informationstechnologie, Digitalisierung und Datenschutz befasst.

Herr Professor Papier, Herr Dr. Schröder, die Corona-Krise hinterlässt 2020 tiefe Spuren in der deutschen Volkswirtschaft, auch wenn die Konjunktur nicht so stark wie in der Finanzmarktkrise 2011 eingebrochen ist. Welche Beobachtungen machen Sie bei den Schlichtungsanträgen und im SCHUFA-Datenbestand? Gibt es Signale vermehrter Zahlungsschwierigkeiten?

Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier: Das Volumen der Schlichtungsverfahren hat 2020 gegenüber dem Vorjahr merklich zugenommen, und zwar um rund 33 Prozent auf 1.385 Anträge. Auch ist das Beschwerdeaufkommen im Frühjahr während des ersten Lockdowns etwas höher gewesen. Auf der anderen Seite gibt es keine Hinweise darauf, dass die Zunahme der Eingaben durch die Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen bedingt ist, bereits in den Jahren zuvor konnte ein Anstieg verzeichnet werden. Darüber hinaus waren die Anliegen sehr selten auf die Corona-Krise gestützt. Hauptgegenstand der Beschwerden war, wie auch in den Jahren zuvor, vor allem die vorzeitige Löschung eines oder mehrerer Negativeinträge. Diese sind in den meisten Fällen jedoch vor dem März 2020 entstanden, also vor Eintritt des pandemiebedingten Stillstands der Wirtschaft.

Hat das gestiegene Antragsvolumen zu mehr Korrekturen im SCHUFA-Datenbestand geführt?

Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier: Es gab in 2020 etwas mehr berechtigte Anträge als im Vorjahr, bei denen wir eine fehlerhafte Datenverarbeitung seitens der SCHUFA oder eines Vertragspartners festgestellt haben. Doch die Zahlen müssen mit dem Auskunftsvolumen der SCHUFA ins Verhältnis gesetzt werden: Während die SCHUFA rund 490.000 Auskünfte pro Tag erteilt hatte, hat die Schlichtungsstelle lediglich bei 42 berechtigten Verbraucheranträgen, über das Jahr verteilt, eine Änderung der fraglichen Information veranlasst. Auch wenn das Antragsvolumen in den vergangenen Jahren stets zugenommen hat, so ist doch der Anteil der berechtigten Beschwerden mit rund 7 Prozent in den vergangenen beiden Jahren gleichbleibend.

Dr. Ole Schröder: Wir sind Professor Papier sehr dankbar, dass er bereit ist, der SCHUFA als Ombudsmann mit seiner außergewöhnlichen Expertise und Reputation zur Verfügung zu stehen, gerade auch in diesem für uns alle sehr schwierigen Jahr. Die seit Jahren steigenden Zahlen der Schlichtungsanträge sind für mich auch ein Beweis, dass die Ombudsstelle, an die sich Verbraucher wenden können, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, angenommen wird. Für uns ist deshalb außerordentlich wichtig, mit Professor Papier einen Ombudsmann zu haben, der mit seinem Lebenswerk über jeden Zweifel erhaben ist und für Unabhängigkeit steht. So kann sich Professor Papier nicht nur um den Einzelfall kümmern. Er hat auch den Blick auf das gesamte SCHUFA-Verfahren und gibt wertvolle Rückmeldungen für die Qualitätssicherung.

Das SCHUFA-System ist nur gerecht und schafft Vertrauen, wenn die Auskünfte vollständig, richtig und wahr sind.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier

Die Ausbreitung des Coronavirus hat zu Einschränkungen in vielen Bereichen des Privat- und Wirtschaftslebens geführt. Sehen Sie in den SCHUFA-Daten einen Corona-Effekt?

Dr. Ole Schröder: Die Corona-Krise hat den Strukturwandel in vielen Branchen und ganz klar die digitale Transformation vieler Gesellschaftsbereiche beschleunigt. Bislang sehen wir trotz Corona eine ausgesprochen stabile Situation im SCHUFA-Datenbestand. Die befürchteten Ausfälle bei Ratenkrediten sind ausgeblieben. Die große Mehrheit der Verbraucher zahlt unverändert zu einem ganz überwiegenden Teil ihre Ratenkredite pünktlich und in vollem Umfang zurück. Die Kreditausfallrate lag Ende des dritten Quartals 2020 bei 2,1 Prozent und hat sich damit gegenüber dem Jahresende 2019 und 2018 nicht verändert. Damit spiegelt die Situation bei weitem nicht das wider, was wir in der Finanzmarktkrise vor zehn Jahren erlebt hatten. Aber es bestehen auch große Unterschiede, wenn man sich die Situation der Unternehmen anschaut. Bei den meisten Betrieben sind die Auswirkungen der Corona-Krise eher gering, andere Unternehmen, z. B. aus den Branchen Tourismus, Gastronomie oder stationärer Handel, sind hingegen sehr stark betroffen.

Wird sich das eher ruhige Bild im SCHUFA-Datenbestand in 2021 ändern?

Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier: Ich möchte in diesem Zusammenhang das Hinausschieben der Insolvenzantragspflicht ansprechen, das Fragen für das gesamte Wirtschaftssystem aufwirft. Die Insolvenzantragspflicht entfällt bis zum 30. April 2021, auch weil Überbrückungshilfen bei den betroffenen Betrieben nicht rechtzeitig oder nicht gezielt angekommen sind. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass künstlich am Leben gehaltene insolvenzreife Unternehmen andere mit hinunterziehen können. Die Förderpraxis des Bundes und der Länder muss hier für beide Seiten einen Ausgleich finden. Vor allem für solche Betriebe, die durch Zwangsschließungen mit einem besonderen Opfer zum Schutze des Gemeinwohls belastet sind, aber keine gesicherten oder einklagbaren Ansprüche erhalten.

Dr. Ole Schröder: Wir sehen deutliche Unterschiede. Soloselbstständige und Kleinstunternehmen, die direkt von den Auswirkungen des Lockdowns massiv betroffen sind, befinden sich in einer nie dagewesenen Krise. Doch die vertragsgemäße Bedienung von Krediten hat sich auch hier bislang nicht verändert. Allerdings ist die Stimmung in den besagten Branchen besonders negativ. Zudem sind Kreditanfragen aus den pandemiegebeutelten Bereichen im März 2020 deutlich gestiegen, weil sich die Unternehmen mit Liquidität ausgestattet hatten. Infolge der hinausgeschobenen Insolvenzantragspflicht erwarten wir einen gewissen Nachholeffekt, so dass wir für 2021 von mehr Privat-insolvenzen ausgehen. Staatliche Unterstützungen halte ich weiterhin für sehr wichtig, um Zahlungsausfälle und Insolvenzen in sonst funktionierenden Wirtschaftsbereichen zu vermeiden. Doch die Hilfen müssen unkompliziert zu beantragen sein und vor allem auch rechtzeitig bei den Betroffenen ankommen.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier: In der Schlichtungsstelle hatten wir im Jahr 2020 fast ausnahmslos Anträge von Verbrauchern, wobei manche Anträge durchaus mit einer selbstständigen Tätigkeit zusammenhingen. In erster Linie dient das Ombudsmannverfahren aber zum Schutz der Verbraucher, speziell zum Schutz ihrer informationellen Selbstbestimmung, des Datenschutzes und ihres Rechts auf Vergessenwerden. Der Sinn der Schlichtungsstelle liegt im Grunde in einer zusätzlichen Kontrolle, ob bei den Tätigkeiten der SCHUFA geltendes Datenschutzrecht eingehalten wird.

Dr. Ole Schröder: Eine wichtige Säule unserer Wirtschaft und des SCHUFA-Geschäftsmodells sind die Konsumentenkredite. Der Privatkonsum macht über die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland aus und wird oft über Ratenkredite finanziert. Ein funktionierendes Kreditsystem mit verlässlichen Auskünften, auf die Unternehmen, Konsumenten und die gesamte Volkswirtschaft vertrauen können, ist absolut grundlegend. So zeigt die Corona-Krise eine rasante Zunahme der digitalen Kreditanbahnung. Auch in der Corona-Krise ist jederzeit sichergestellt, dass die Bevölkerung weiter mit Krediten versorgt werden kann. Mittlerweile sind über 10.000 Firmenkunden aus Kreditwirtschaft, Handel und Dienstleistungen Vertragspartner der SCHUFA, um Verbrauchern schnell und reibungslos Kredite am Point of Sale oder online anbieten zu können.

Viele Verbraucher haben ihre Einkäufe seit dem ersten Lockdown ins Internet verlagert – kann man diese Entwicklung auch im SCHUFA-Datenbestand nachvollziehen?

Dr. Ole Schröder: Anfragen aus dem eCommerce haben bei der SCHUFA Mitte April 2020 sehr deutlich – um bis zu 58 Prozent – gegenüber dem Vorjahresmonat zugenommen. Der Online-Handel hat daher sicherlich erheblich zur Stabilisierung der Konjunktur beigetragen und die Handelsumsätze in der Krise gestützt. Doch gerade auch der stationäre Handel, der nun zunehmend Online-Angebote zur Verfügung stellt, ist in hohem Maße auf korrekte Bonitätsinformationen angewiesen, um den unkomplizierten Kauf auf Rechnung anbieten zu können. Über allem steht der strikte Datenschutz. Er ist die Voraussetzung, um das Vertrauen der Kunden nicht zu verlieren.

Gemeinsam mit den Banken und Sparkassen hat die SCHUFA es geschafft, dass die Bevölkerung auch in der Corona-Krise ausreichend mit Krediten versorgt werden kann.

Dr. Ole Schröder

Hat die Pandemie einen Einfluss auf das Verhalten von Vertragspartnern beim Melden von Negativmerkmalen in den SCHUFA-Datenbestand?

Dr. Ole Schröder: Zu über 90 Prozent der Verbraucher liegen ja positive Informationen vor, ohne die Kreditentscheidungen in Sekundenschnelle im heutigen Online-Handel nicht denkbar wären. Kommt es zu Konfliktfällen zwischen Verbrauchern und unseren Vertragspartnern, haben wir eine Art Fristenlösung geschaffen, um Verbraucher bei Rückfragen nicht hinzuhalten. Das bedeutet: Wenn ein Vertragspartner auf Rückfrage nicht nachweisen kann, dass die Meldevoraussetzungen beispielsweise für einen Negativeintrag erfüllt sind, wird zugunsten des Verbrauchers entschieden und gelöscht. Das funktioniert in der Praxis sehr gut.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier: Es gelten strenge Meldevoraussetzungen für Negativmeldungen in den SCHUFA-Datenbestand, die wir im Rahmen des Schlichtungsverfahrens bei den betreffenden Vertragspartnern überprüfen, was auch in den meisten Fällen ohne Probleme funktioniert. Vielfach sind die Negativdaten titulierte Forderungen, also gerichtlich festgestellt. Vollständige und korrekte Datensätze sind natürlich auch im Interesse der Vertragspartner. Ich weise in meinen Schreiben an die Verbraucher gegebenenfalls darauf hin, dass die SCHUFA nicht im alleinigen Interesse der Gläubiger handelt, sondern auch im Interesse des Gemeinwohls. Das SCHUFA-System ist nur gerecht und schafft Vertrauen, wenn die Auskünfte vollständig, richtig und wahr sind. Das gesamte Wirtschafts- und Kreditsystem käme ins Wanken, wenn wir aus Kulanz einfach Daten löschen oder Negativeinträge unterdrücken würden und die Kreditwirtschaft somit die übrigen Positiv-informationen in Frage stellen würde.

Wenn ein Vertragspartner mit der Löschung von Negativdaten nachweislich einverstanden ist, kann dann sofort gelöscht werden?

Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier: Auch wenn Verbraucher Dokumente vorlegen, wonach sich der jeweilige Vertragspartner mit der Löschung von Negativdaten einverstanden erklärt, so ist die SCHUFA dennoch weiterhin an die vorgegebenen Speicherfristen gebunden. An dieser Stelle wird deutlich, dass die SCHUFA nicht im vorrangigen Interesse eines individuellen Vertragspartners einseitig Daten löschen kann, sondern die Interessen aller Vertragspartner im Kredit- und Wirtschaftsverkehr im Blick haben muss.

Dr. Ole Schröder: Und das ist dann wiederum im Interesse jedes einzelnen Verbrauchers. Diejenigen, die immer pünktlich ihre Rechnungen bezahlen, sollen ja auch davon profitieren können.