Leon Zeitlin war Mitglied des Verwaltungsausschusses der SCHUFA. Wir dokumentieren hier seine Biografie aus dem Gutachten „Institution unter dem Radar? Gutachten über die SCHUFA im Nationalsozialismus “:

Was war die Rolle von Leon Zeitlin in der SCHUFA?

„Leon Zeitlin wurde am 23.2.1876 in Memel (heute Klaipėda, Litauen) geboren als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie. Nach dem frühen Tod seines Vaters verlor Zeitlin „teils zum eigenen Vergnügen, teils durch fremdes Verschulden“ einen Großteil seines Erbes. Sein Studium der Nationalökonomie absolvierte er in Leipzig, das er als Nachhilfelehrer und als Autor für das „Leipziger Tageblatt“ finanzieren musste. Er schloss 1902 mit der Promotion ab. Über seine Kontakte als Tutor konnte er kurzzeitig als Konsul für die Vereinigten Staaten in Frankfurt arbeiten, zudem führte er seine Autorentätigkeit fort. In Berlin arbeitete er als Redakteur und Verleger (u. a. der Fachzeitschrift „Die Textilwoche“) und als Syndikus des Schutzverbands deutscher Schriftsteller. Später stieg er als Vertreter der „Freien Berufe“ in den 1920 gegründeten „Vorläufigen Wirtschaftsrat“ der Weimarer Republik ein. Zeitlin reiste regelmäßig in die USA, um über die neuesten ökonomischen und technischen Entwicklungen zu berichten.

Seine ungewöhnliche Biografie zeigt eine enge Verbindung zwischen Wirtschaft und Schriftstellerei. So schloss er Bekanntschaft mit einigen der bekanntesten Autoren seiner Zeit, darunter Arnold Zweig. Er war auch politisch sehr aktiv und verfasste zahlreiche Artikel zur Sozialpolitik. In seinem Aufsatz „Die soziale Frage – eine Frauenfrage“ setzte er sich beispielsweise mit dem Konsumverhalten von Frauen auseinander. Darin forderte er, die Frauen aus sozial schwächeren Schichten für den verantwortlichen Umgang mit Geld „besser zu erziehen und auszubilden“. Politisch gehörte er dem linksliberalen Lager an und war ein prominentes Mitglied der DDP (ab 1930 Deutsche Staatspartei), deren Vorstand er angehörte. Zwischen 1928 und 1932 war er Abgeordneter im Preußischen Landtag. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er, dass er einer der wenigen gewesen sei, die Hitler bereits nach dem gescheiterten Putsch von 1923 als Gefahr erkannt hätten: „Im SDS [Schutzverband deutscher Schriftsteller] wurde Hitlers Bewegung, wie überhaupt in Deutschland, noch lange nicht ernst genommen“, stellte er rückblickend fest."

Was geschah mit Leon Zeitlin nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933?

„Zeitlin war gemeinsam mit Kauffmann am stärksten am politischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten beteiligt. Entsprechend hart gingen die Nationalsozialisten gegen ihn vor. Im April 1933 ließen sie Zeitlins Berliner Büro mit dem gesamten Inventar beschlagnahmen. Zeitlin plante zunächst keine Flucht, verließ Berlin dann aber gemeinsam mit seiner Ehefrau im August 1933. Die NS-Behörden verhängten daraufhin gegen Zeitlin die „Reichsfluchtsteuer“ und beschlagnahmten außerdem seine Sechszimmerwohnung in Berlin-Charlottenburg sowie sämtliche dort befindlichen Kunstwerke, Bücher und andere Wertgegenstände.

Dennoch kehrte Zeitlin für kurze Zeit zurück und war sogar in den Wirtschaftsverbänden, wie dem Reichswirtschaftsrat, tätig. Dort versuchte er sich für jüdische Geschäftsinhaber, aber auch für nichtjüdische Kollegen, die ins Visier des NS-Regimes geraten waren, einzusetzen. Dazu schrieb er: „Meines Bleibens in Deutschland war nicht mehr lange. Ich wurde am Betreten meines Büros [gehindert, Ergänzung MW], und man versuchte mich der Annahme einer Abfindung zuzustimmen, die im Hinblick auf meine 25jährige Tätigkeit bei den mir anvertrauten Verbänden geradezu lächerlich war.“ Im September 1933 nahm er schließlich die Abfindungssumme von 1.500 RM an und wanderte nach London aus. Dort war er als Publizist und Schriftsteller und von 1941 bis 1952 auch als Berater des Institute of Export tätig. Zeitlin starb am 21. Juni 1967 in London an einer Überdosis des Schlafmittels Veronal."